Sehr dankbar sei sie. Für großartige Begegnungen. Für besondere Momente. Für das Privileg, die Projekte so lange begleiten zu dürfen. Josephine Hage, so wird schnell klar, hat in den letzten Jahren einen Traumjob gehabt. Die Kuratorin von Makers, Business & Arts, einem Flagship-Projekt der europäischen Kulturhauptstadt 2025 ist nicht nur die Wegbereiterin für die neun Makerhubs in der Kulturregion, sondern auch Initiatorin des Maker Advents, der nun zum dritten Mal die vorweihnachtliche Schaffenskraft an mittlerweile 42 Orten weckt.
Als Mitarbeiterin bei Kreatives Sachsen, dem sachsenweiten Förderprojekt für die Kultur- und Kreativwirtschaft hat sie 2022 ein Konzept erarbeitet, um auf dem Weg zur Kulturhauptstadt spannende Werkstätten für Macher zu schaffen. Einen Open Call hat es gegeben, eine Fachjury, die 23 Bewerbungen von Initiativen und Vereinen bewertet hat und schließlich auch einen Fahrplan, wie aus verlassenen Räumen kreative Hotspots werden können. Die Pläne gingen auf.
Heute ist das Esche-Lab in Limbach-Oberfrohna die erste Adresse fürs Ausprobieren rund um textile Techniken, das Lehngericht in Augustusburg eine Werkstatt für traditionelles Handwerk und Zukunftstechnologien, das Umspannwerk Etzdorf ein Experimentierfeld zwischen Kunst und Energiewende, die #macherei in Lößnitz ein etablierte Treffpunkt für moderne Produktion vom Film bis zum 3D-Druck, die Werkbank32 in Mittweida ein Hub, in dem Kreativschaffende auf Unternehmer treffen, das Netz-Werk Neukirchen ein Genussort, das Kulturwerk Schneeberg auf dem besten Weg, ein Kreativraum für traditionelles und modernes Handwerk zu werden, der Buntspeicher Zwönitz ein Co-Working-Space mit offener Werkstatt und die Stadtwirtschaft Chemnitz ein Zuhause für Kreative, das FabLab und Ko-Kreation.
„Jeder dieser Orte ist anders und auch in der Ausrichtung verschieden. Es sind nicht immer Werkstätten der klassischen Makerszene, aber sie tragen alle den Geist des Machens in sich, sind kreative Treffpunkte und zunehmend international vernetzt“, beschreibt Josephine Hage. So habe es beispielsweise eine dreitägige Reise des Esche-Lab ins niederländische Tilburg und dessen Textilmuseum gegeben, auf der gleich vier neue Projektideen entstanden sind. Das Netz-Werk Neukirchen habe derweil in Zusammenarbeit mit der Mozart-Gesellschaft den Chor der Universität Manchester empfangen. „Die Makerhubs sind während des Kulturhauptstadt-Jahres nicht nur gute Gastgeber und Vermittler des hiesigen Kreativschaffens gewesen, sie haben auch den Blick nach Europa gerichtet und im internationalen Austausch neue Perspektiven entwickelt“, resümiert die Kuratorin nicht ohne Stolz. „Wenn man sieht, wie viele da über sich hinausgewachsen sind, sich gefunden und die Komfortzone verlassen haben, dann merkt man, was so ein Kulturhauptstadt-Titel zu leisten vermag.“
Inzwischen, so beschreibt sie, seien viele der Makerhubs schon aus dem Programm herausgewachsen, haben eigene Formate entwickelt wie die Werkstatt der Wunder in Augustusburg, das UWE-Festival in Etzdorf, das Loop-Festival in Limbach-Oberfrohna oder das Maker-Festival Erzgebirge in Lößnitz. Darüber hinaus seien drei neue Vereine entstanden in Lößnitz, Neukirchen und Schneeberg. Nun gelte es, diese Arbeit zu verstetigen.
„Wichtig ist, dass jetzt Kommunen und Land die Verantwortung übernehmen und die Arbeit der Makerhubs sichern“, wünscht sich Josephine Hage. Schließlich seien da viel Know-how, ehrenamtliche und hauptamtliche Strukturen und ein großartiges Netzwerk aufgebaut worden. „Wir haben viele gemeinsame Workshops und Learnings organisiert wie etwa zu Fördermitteln, Betreibermodellen, Marketing, Preisgestaltung, Einsatz von KI – und auch untereinander wird viel Expertise ausgetauscht.“ Es habe auch kein Netzwerktreffen ohne Rotz- und Fetzt-Momente gegeben, also den Austausch über gelungene und missglückte Ideen. Deshalb ist sie sicher: „Das Ende des Kulturhauptstadtjahres ist der Anfang von etwas Großartigem. Wir haben jetzt das Momentum, eine gute Energie und genug Zuversicht. Gleichzeitig ist die Verstetigung auch kein Selbstläufer.“
Und während sie erzählt, lässt sich ihre Überzeugung in jedem Wort, jeder Geste spüren. Auch sie ist längst noch nicht fertig mit dem Projekt, wird sie wahrscheinlich nie sein, denn irgendwie hat es sie selbst ein bisschen verwandelt. Zu viele gute Erfahrungen und Erinnerungen verbindet sie damit. So erzählt sie beispielsweise, angesprochen auf den Schal, den sie bei unserem Treffen trägt, von einer Künstlerin, die allein mit Windkraft stricken lässt und dann die Produktionsminuten auf dem Label ausweist: Vier Stunden errechnen wir für das Accessoire und Josephine ergänzt, sie habe erst seit dem Projekt überhaupt zu farbiger Kleidung gefunden. „Früher trug ich eher schwarz.“ Wie gesagt – Makers, Business and Arts wird unweigerlich nachwirken.
„Ich habe den Auftrag aus dem Bidbook sehr ernst genommen. Kultur in Städten, das geht immer. Aber Kultur in ländlichen Räumen ist Arbeit, notwendige Arbeit. Tote Räume zu beleben und zum Kreativort zu machen, ist eine von vielen Antwort auf die Probleme in unserem Zusammenleben. Mit den Makerhubs bekommt kulturelle Vielfalt eine Strategie und wird selbstverständlich – sie sind eine positive Vision von Zukunft“, sagt sie wie ein perfektes Schlusswort.
Fehlt nur noch der Ausblick - und der geht zwei Jahre voraus. Denn aus der Kulturhauptstadtbewegung soll eine Unseen-Biennale entstehen, zu der auch die Makerhubs ihren Beitrag leisten werden. Außerdem kann der Maker Advent ja auch noch weiter wachsen. Das Potential ist da.
Autorin: Jenny Zichner // Der Originalartikel ist im Stadtmagazin Stadtstreicher erschienen.